"Closing the scars" ist der Beginn einer dreiteiligen Geschichte über sexuellen Missbrauch, Vertrauen, Vergangenheitsbewältigung und den zaghaften Versuch, zu lieben.
Die 25-jährige Chiara lernt nach einem Konzert den Drummer von Charon?s Army kennen, der sie nach Hause bringt und sich in sie verliebt. Dabei weiß Mickey nicht, dass seine Auserwählte ein schreckliches Geheimnis hütet. Er schafft es, Chiaras Vertrauen zu gewinnen und lernt Stück für Stück die junge Frau, ihre Ängste, die Panikattacken und ihre erschütternde Geschichte kennen. Mickey möchte ihr helfen, ihr das Leben und die Liebe zeigen, doch wird ihm das auch gelingen, oder lastet ihre Vergangenheit zu schwer auf Chiara?
Kyra Cade hat mit zwölf Jahren begonnen, Gedichte, Kurzgeschichten und Romane zu schreiben. ?Closing the scars? ist ihre erste Veröffentlichung. Teil II, ?Learning that love??, wird in wenigen Tagen als eBook erhältlich sein.
Ihr Debüt ist eine mitreißende Geschichte, in der sie mit viel Einfühlungsvermögen den schweren Weg ins Leben nach jahrelangem sexuellem Missbrauch beschreibt, und die Kraft der Liebe verdeutlicht.
Leseprobe:
Die Einladung
Mickey hatte Wort gehalten, und sich gemeldet. Nicht nur die eine SMS, nein, er hatte sie angerufen und auch wenn das erste Telefonat sehr schleppend gewesen war, der Drummer hatte sich durchgebissen und nicht aufgegeben. Für Chiara war es eher eine Qual gewesen, wusste sie weder, was sie sagen, noch wie sie sich verhalten sollte. Mit Menschen konnte sie nicht umgehen und vertrieb sie eher, als dass sie welche um sich scharte. Und noch etwas war geschehen: Mickey schrieb ihr Postkarten. Von jedem Veranstaltungsort und sogar aus Hamburg kam eine, als er zu Hause war. Die erste Karte war tagelang auf dem Küchentisch gelegen und Chiara hatte sich immer wieder die Bilder von Bayerns Hauptstadt angesehen, die Frauenkirche, ein Bild von der Wiesn, das Hofbräuhaus. Auf der Rückseite war ein kurzer Text, ohne Anrede. "Vergiss den Tee nicht. Gute Besserung und liebe Grüße aus München, Mikey" Weitere Karten waren gefolgt. Aus Stuttgart, Bochum, Wuppertal und einigen anderen Orten.
Mickey hatte Chiara nicht nur einmal angerufen und dann nie wieder, nein. Die Telefonate waren häufiger geworden und nach einem Monat rief er jeden Tag an, fragte sie, wie es ihr ginge und was sie so treibe. Es war zur Gewohnheit geworden, ein lieber Gruß an jedem Tag – und manchmal der einzige Grund für die junge Frau, aufzustehen und Luft zu holen. Die trüben Tage machten sie depressiv und es kam eine Zeit, die tiefschwarze Erinnerungen aufwühlte und ihr den Schlaf raubte. Doch wenn der Musiker anrief, beruhigte sie sich, lauschte der weichen Stimme, hörte sein Lachen und dachte an die Nacht zurück, in der er neben ihr gelegen und sie beschützt hatte. Er fragte nie nach ihrer Vergangenheit, niemals nach dem, was so schwer auf ihrer Seele lastete. Nur nach dem Tag, nur nach dem Jetzt. Ihr tat das sehr gut, denn sie fasste langsam Vertrauen zu ihm, auch wenn ihr immer noch ein Rätsel war, weshalb er das alles tat. Doch auch sie stellte keine Fragen, hörte ihm hauptsächlich zu und wollte alles über seine Musik wissen, die kleinen Rückschläge, die großen Erfolg, die Tage im Studio und die Nächte auf der Bühne. Mickey erzählte und es wurde ihr nie langweilig. Solange er sprach, gab es keine Stille, solange es keine Stille gab, blieben alle Erinnerungen fern. Immerhin hatte die junge Frau auf diese Weise auch erfahren, wie er zu dem Spitznamen Mickey gekommen war. Da er in einer Glam-Rock-Band Schlagzeug spielte – und das vor seinem Einstieg bei Charon's Army bereits getan hatte –, gab es das ein oder andere schrille Kleidungsstück, das er auf der Bühne trug. Bei einem der ersten Auftritte hatte er ein grässliches, pinkfarbenes Shirt mit einer großen Mickey Mouse angehabt. Das Outfit passte perfekt zur Band, brachte ihm aber den Spitznamen ein.
Chiara machte es sich auf ihrem Sessel bequem und zog die Beine an. Neben ihr stand wieder einmal eine Tasse mit dampfendem Tee, der Konsum war drastisch gestiegen, seit sie Mickey getroffen hatte, auch wenn die Erkältung schon längst wieder vorbei war. In einer Hand hielt sie das Telefon und lächelte. Mickey erzählte gerade von der letzten Bandprobe und einem etwas aus dem Takt geratenen Ben, der irgendwann aufgegeben hatte, an diesem Abend noch mehrere Noten in richtiger Reihenfolge hintereinander zu spielen. "Und? Wie war dein Tag heute?" "Nichts Besonderes. Man merkt, dass die Schule wieder angefangen hat, mittags sind wieder viele Kiddies da, die rumbrüllen, Essen durch den Laden werfen und Chaos hinterlassen." "Sag mal, du hast doch jetzt ein paar Tage frei", begann Mickey und räusperte sich. "Ja?" Abwartend setzte sich Chiara auf. "Magst du mich mal besuchen kommen?" Fast wäre ihr das Telefon aus der Hand gerutscht. Besuchen? Sie ihn?
"Ähm…" Es war natürlich keine intelligente oder gar brauchbare Antwort, aber zu mehr war Chiara gerade nicht in der Lage.
"Mal ein bisschen rauskommen, ich zeig dir Hamburg und… Ich würde dich gerne mal wieder sehen!" Wenn das kein Geständnis war – mit dem Chiara absolut nicht umzugehen wusste. Warum hatte er einen solchen Narren an ihr gefressen? Und warum freute sie sich nicht einfach darüber? Andere Frauen würden kreischend durch die Wohnung hüpfen und eine Party schmeißen.
"Ich… also… danke, aber…" Es gab kein Aber, kein ernstzunehmendes. Außer ihrer Angst, ihres verkorksten Lebens und der schrecklichen Einstellung zu ihren Mitmenschen und sich selbst. Sie hatte sich über jede Karte und jeden Anruf gefreut, und natürlich niemals diese eine Nacht vergessen, in der genau genommen rein gar nichts geschehen war. Doch mehr war nicht einmal in ihrer Vorstellung möglich, denn alle Tagträume liefen ohne Mickey ab und hatten sich in den letzten Wochen drastisch reduziert. "Denk in Ruhe drüber nach. Du kannst bei mir schlafen, allein natürlich, du kriegst sogar einen Schlüssel für das Zimmer. Wir machen uns ein paar schöne Tage. Du brauchst keine Angst zu haben, versprochen." Mist, er kannte sie mittlerweile zu gut, hatte sie so genau studiert, dass ihre Ängste nicht mehr im Verborgenen lagen. Aber woher wusste er, dass genau diese Dinge ihr Probleme bereitet hatten? "Also, das ist ein ganz nettes Angebot", stotterte Chiara, "aber das kann ich doch nicht annehmen, ich… Weißt du, Mickey, ich würde dich gerne besuchen kommen, aber ob das so gut wäre? Wir kennen uns doch eigentlich gar nicht." Genau, schließlich konnte er ein Verbrecher sein oder ein gefühlloses Arschloch. Innerlich zerfleischte sie sich schon wieder. "Na ja, wir telefonieren seit fünf Wochen fast jeden Tag miteinander, wir lagen schon zusammen in einem Bett und… ja, okay, wir kennen uns sonst kaum, aber das könnten wir doch ändern. Weißt du, ich würde auch zu dir fahren, aber ich denke, dass dir mal etwas Abstand gut täte." Halt die Klappe, Mickey! Sei still, sprich nicht weiter, lass mich in Ruhe! Chiara spürte, dass ihr dieser Mann gefährlich werden konnte, nicht körperlich, nicht im Sinne einer Tätlichkeit, nein. Viel schlimmer, er konnte in ihr lesen und er würde bald herausfinden, was sie hinter sich zu lassen versuchte und was einfach nicht gelang. Vielleicht war es gar nicht die Angst davor, ihn zu verlieren, denn dass sie einen an der Klatsche hatte, war sicherlich nicht verborgen geblieben und er bemühte sich dennoch um sie. Es war eher die Angst, sich der eigenen Vergangenheit stellen müssen, dem dunklen Abgrund in die Augen sehen und dem Blick standhalten zu müssen.
"Chiara, denk in Ruhe drüber nach. Meine Wohnung steht dir offen, okay? Du kannst natürlich auch in ein Hotel hier. Es ist ein Angebot und ich würde mich freuen, wenn du es annimmst." Seine Stimme war sanft und ohne Drängen. Sie dachte daran, dass er gerade wohl wieder diesen liebevollen Blick drauf hatte und würde sie vor ihm stehen, er nähme sie in den Arm und hielte sie fest und vertriebe damit ihre Zweifel. "Ich… ich geb dir morgen Bescheid, ist das okay?" "Wann immer du willst."
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